Reisebericht: West Coast Trail, Mai 2005

West Coast Trail Erfahrungsbericht...über den Nitinat.

"Der West Coast Trail ist noch geschlossen", informiert uns die first nations Frau im Visitor Center. Sie ruft im Nationalpark Hauptquartier an. "Es ist eine tolle Wanderung", sagt die blonde Frau. "Sind sie ihn gewandert?" "Nope", erwidert sie. "You know. Kids." "Vielleicht würde es denen ja gefallen", wagen wir uns vor. "You crazy? No television. No games." Wir nicken. Das stimmt.

 

Der Park sei geschlossen, erklärt die erste Dame. Aber wir könnten trotzdem loslaufen. Wenn wir möchten. Wir erkundigen uns nach den Booten für die beiden Flussüberquerungen. Das weiss sie nicht. Wir sollen vor Ort fragen.

Bamfield ist der Ausgangspunkt. Im Fischereibedarfsladen kaufen wir einen Gezeitenkalender. Für die Abschnitte am Strand entlang. "Nein", sagt der Inhaber“, die Fähre über den Nitinat verkehrt erst ab dem ersten Mai. Aber manchmal ist ein Indianer (a native fellow) dort. Oder ein paar Fischer kommen vorbei und setzen euch über. Vielleicht habt ihr Glück."

1. Tag

Am nächsten Morgen schultern wir unsere schweren Rucksäcke. Zelt. Schlafsäcke. Matten. Kocher. 2 kg Teigwaren. 2 Liter Tomatensauce. 3 Zwiebeln. 1 kg Nüsse. Riegel. Schokolade. Müsli. Kaffee. Milchpulver. Der Pfad ist perfekt ausgebaut. Hölzerne Stege, Brücken und Leitern führen über die Sümpfe, Flüsse und Steigungen. Der Wald ist abwechslungsreich. Grosse Bäume. Alte Bäume. Tote Bäume. Moos. Flechten. Bei km 9 beobachten wir eine Kolonie Seelöwen. Entdecken Spuren von Schwarzbären, Pumas und Waschbären in den sumpfigen Stellen auf dem Weg. Bei km 12 führt der Pfad ans Meer. Wir stolpern 2 km dem steinigen Strand entlang. Zwei junge Bald Eagle äugen uns nach. Der Cablecar am Darling River ist alt und kaputt. Den kalten Fluss durchqueren wir zu Fuss. Am anderen Ufer stellen wir unser Zelt auf. Bleiben alleine. Holen Wasser beim Wasserfall. Sehen einen Otter ins Flusstal hinauf laufen. Bei Sonnenuntergang entdecken wir sie. Erst die Wasserfontänen. Dann die flachen Rücken. Grauwale.

2. Tag

Das Bellen einer Gruppe Seelöwen weckt uns um sechs Uhr. Ein Weisskopfseeadler schaut uns beim Frühstücken zu. Erneut entdecken wir Spuren von Bären auf dem Pfad. Bei km 20 ist der Pfad von einer Rüfe weggeschwemmt worden. Wir wandern dem Strand entlang. Scheuchen Golden und Bald Eagles auf. Den Klanawafluss überqueren wir in einem Cablecar. In luftiger Höhe hangeln wir uns in der offenen Kabine über den breiten, grünen Fluss. Zwischen grossen, angeschwemmten Treibholzstämmen schlagen wir unser Lager bei km 28 auf. Sind erneut die einzigen. Hängen unsere Vorräte bärensicher vier Meter über Boden an einem dicken Ast auf. Zwei Seehunde beobachten uns aus der Brandung heraus mit grossen schwarzen Augen. Ein einzelner Wolf patrouilliert dem Strand entlang.

3. Tag

In der Nacht beginnt es zu regnen. Wir erwachen aufgrund des digitalen Piepsen eines Alarmes. Nach anderthalb Stunden Wandern stehen wir am Ufer des Nitinat. Schauen ans gegenüberliegende Ufer. Unsere Hallo-Rufe verklingen in den Wäldern. Gänsesäger fischen auf dem See. Ein Adler schaut von seiner Warte aus auf uns hinunter. Wir kochen Kaffee. Finden beim ersten Schluck heraus, dass der See salzhaltiges Wasser hat.

Nach zwei Stunden kommt ein kleines Boot den See hinuntergefahren. "Howdy", grüsst der native fellow. Er trägt Fischerhosen. Eine dunkle Brille. Eine schwarze Baseballmütze. Die grauen langen Haare hat er im Nacken zusammengebunden. "Zehn Dollar. Jeder", erklärt er. Wir nicken. Setzen über den See. In einer Kiste liegen lebende Krabben. Der Kolben eines Jagdgewehrs schaut unter dem Steuerrad hervor. "Eigentlich sollte ich zwanzig Dollar verlangen. Für jeden", erklärt er am anderen Ufer. "Weil die Saison ja noch nicht angefangen hat." Wir schlagen 30 vor. Total. "Fair enough", grinst er. Er lebt oben am See. Arbeitet als Krabbenfischer. Holzschnitzer. Und macht Zeremonien. Vor zwanzig Jahren habe es mehr Wild in den Wäldern gehabt. Schuld sei die Holzfällerindustrie. Mit den Bäumen gingen auch die Tiere.

Auf den folgenden 2 km nassen, schlüpfrigen Holzplanken versuchen wir keine Glieder zu brechen. Bei km 42 trocknen wir unsere Ausrüstung. Stellen unser Zelt auf. Auf einem Felsen vor der Küste sonnt eine Gruppe Seelöwen. Ein Helikopter landet in der Bucht 500 Meter südlich von uns. Eine Viertelstunde später entdecken wir einen einzelnen Mann in der Brandung. Er trägt einen Ganzkörper-Neoprenanzug. Surft auf einem Bodyboard. Zwei Stunden später fliegt der Heli wieder weg. Erneut sind wir alleine. Zusammen mit den Seelöwen. Zwei roten Wieseln. Den Bärenspuren am Fluss. Gänsesägern. Einem Seeotter. Und einem blauweissen Eisvogel.

4. Tag

Das digitale Piepsen eines Alarmes weckt uns. Draussen auf dem Campingplatz. Neugierig kriechen wir aus dem Zelt. Stellen überrascht fest, dass wir noch immer alleine sind. Später entdecken wir einen kleinen Vogel, der das digitale Piepsen imitiert. Und offenbar in sein Repertoire aufgenommen hat.

Ein Helikopter landet während wir frühstücken an unserem Strand. Drei junge Surfer steigen mit langen Haaren und langen Brettern aus. Zwanzig Minuten später surfen zwei bereits die Wellen. Wir stapfen 6 km bei Ebbe dem Strand entlang. Durch weichen Sand. Über nasse glatte Steine. Durch Ebbepools voller Algen und Seegras. Klettern über Felsen. Queren einen Fluss. Und dann noch einen. Am Walburn Creek, km 53, campen wir. Am späten Nachmittag taucht ein einzelner Wanderer am Fluss auf. Er sieht aus wie Burt Reynolds. Trinkt Wodka mit Wasser. Seit Jahren läuft er den West Coast Trail am Eröffnungstag los. Seine Frau nenne es den Versuch zur Bewältigung seiner Midlifecrisis. Er grinst. Übrigens, die Wettervorhersage der Marine schaue gut aus, informiert er. Eine 20 Prozent Chance für Regen. Um Mitternacht fallen die ersten Regentropfen aufs Zelt.

5. Tag

Es regnet die ganze Nacht. Und am Morgen. Der Pfad ist anspruchsvoll. Schlammig. Nass. Voller Pfützen. Nebel treibt zwischen den Bäumen. Wir stolpern über Hunderte von rutschigen Baumwurzeln. Klettern Holzleitern rauf und runter. Queren einen Fluss auf einer langen, schmalen Hängebrücke. Den nächsten mit einem Cablecar. Erste Wanderer kommen uns entgegen. Fast keine Tierspuren mehr auf dem Pfad. Auf dem Campingplatz bei km 62 warnt das Schild vor Pumas nicht vor Bären. Dana, eine Rangerin, kommt. In den letzten zwei Jahren sei die jährliche Besucherzahl des Trails von ehemals 8'000 Hikern pro Saison auf 3'500 gesunken, erzählt sie. Vor allem die Europäer fehlen. Kanada sei zu teuer geworden (1 Liter Benzin kostet ca. 1 Fr. Ein Sixpack Kokanee Bier ca 11. Fr. Sechs Vollkorn-Bagles 3 Fr.). Der Platz füllt sich. Über 10 Zelte stehen bei Einbruch der Dunkelheit am Fluss. Ein Eisvogel fliegt schrill protestierend über das Lager hinweg. Landet erst weit oben im Flusstal.

6. Tag

Mit dem Cablecar queren wir den Fluss. Der Wald präsentiert sich nach dem gestrigen Regentag in seinen intensivsten Farben. Ganze Schulklassen kommen uns entgegen. Tiere sehen wir keine mehr. Ein paar Vogelstimmen. Bei km 75 ist der Pfad bei Port Renfrew zu Ende. Wir stehen am Gordon River. Ziehen die orange Boje hoch. Ein paar Minuten später kommt die Fähre. Ein gross gewachsener, drahtiger Parkranger heisst uns willkommen. Fragt nach unseren Permits. Haben wir nicht. Er verlangt unsere Pässe. Schreibt während der Überfahrt Notizen in sein schwarzes Büchlein. "Zwanzig Bucks. Jeder." knurrt der Bootsmann.

Der Ranger baut sich vor uns auf. Rotblonde Haare. Kantige Nase. Grüne Uniform. Abzeichen. Im rechten Ohr steckt ein Ohrstöpsel, der zum Funkgerät an seinem Gurt führt. Er schaut uns mit blauen, strengen Augen an. Erklärt uns die Rechtslage. Wir sind 'offenders', führt er aus. Der Park war offiziell geschlossen als wir in Bamfield losliefen. Normalerweise müssten wir vor den Richter. Der legt dann die Höhe der Busse fest. Da wir Ausländer sind, hält er uns nicht fest. Der Richter wird die Busse in Abwesenheit festlegen. Diese Busse von mindestens 200 kanadischen Dollars
pro Person, wird dann in die Schweiz geschickt. Wo wir sie nach unserer Rückkehr zu bezahlen hätten. Dann gibt er uns die Pässe zurück. Wir erklären dem grossen Mann, dass wir eigentlich gedacht hätten, die Parkgebühr einfach auf dieser Seite zu bezahlen. Er überlegt kurz. Rückt den Ohrstöpsel zurecht. Klappt das schwarze Büchlein zu. Und nickt dann. Einverstanden.

Die total 236 Kanadadollar bezahlen wir im Nationalparkgebäude bei einer blonden Frau. Mastercard oder Visacard ist ok. Sie erlässt uns sogar die Kosten für die nicht erhaltene Wanderkarte und Gezeitentabelle.

Helene und Dominik: We did it!

Autor: Dominik Abt

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