Reisebericht: Bowron-Lakes Provincial Park, B.C.

Bowron-Lakes Provincial Park, B.C.Lautlos gleitet unser Kanu über die spiegelglatte Wasseroberfläche. Endlose Wälder links und rechts des vor uns liegenden Indianapoint-Lake. Grün soweit das Auge reicht. Darüber graue, felsige Berge. Tiefblauer Himmel. Das einzige Geräusch ist das Eintauchen der Paddel ins Wasser.

Wir stellen unser Zelt auf einer kleinen Anhöhe auf. Geniessen die Ruhe und die Aussicht auf den See. Machen einen kurzen Paddel im Abendlicht. Ein Weisskopfseeadler (Bald Eagle) kreist über uns. Sticht plötzlich herab. Greift sich eine Forelle aus dem Wasser. Die gespenstischen Rufe der Eistaucher (Loon) schallen weit über das Wasser. Verhallen in der Wildnis. Begleiten uns in den Schlaf.

Die schwarzgrünen Wälder spiegeln sich im stillen, blauen Wasser. Die Morgensonne wärmt. Wir manövrieren einen sumpfigen, engen, gewundenen Kanal. Queren einen kleinen See. Ein blauweisser Eisvogel fliegt protestierend neben uns her. Wir laden das Kanu für eine weitere Portage auf das zweirädrige Kart. Ziehen und schieben es über Wurzeln, Steine und durch Pfützen. Wassern am Westende des 39 Kilometer langen Isaac-Lake. Ein Graureiher zieht mit langsamen Flügelschlägen über uns hinweg. Wind kommt auf. Bildet stetige Wellen. Nach 10 km landen wir an einem Kiesstrand. Errichten Camp neben einer alten Trapperhütte. Vier Flussotter beäugen uns neugierig. Schwarze Wolken verdecken den Himmel. Während des Nachtessens regnet es. Ein leuchtender Regenbogen steht über dem See. Die vier Otter patrouillieren dem Strand entlang. Ein Eistaucher ruft.

Windstill. Glasklar. Der Isaac-Lake glänzt in der Morgensonne. Nebel hängen über dem See und in den Baumwipfeln. Darüber weisse Wolken am dunkelblauen Himmel. Schneebedeckte Gipfel schweben am Horizont. Zwei Rothalstaucher queren den See. Ein Seeadler (Osprey) gleitet vorbei. Ein Bald Eagle landet in einer Tanne. Eine Möwe checkt uns im Tiefflug aus. Nach fünf Stunden legen wir an einem einladenden Strand an. Springen für einen erfrischenden Skinnydip ins Wasser. Geniessen die Sonne.

Mit dem Kanu auf den Bowron Lakes

Eine Armada aus acht Kanus hält am späten Nachmittag auf unseren kleinen Strand und die verbleibenden zwei Zeltplätze zu. Jay und Kevin gewinnen das Rennen. Kaufen sich mit Charme (so, you are Canadians), Rotwein und Jägermeister (we've got plenty for us all) auf "unserer" Campsite ein. Lustiger, lauter Abend am gemeinsamen Lagerfeuer. "Wenigstens braucht ihr heute keine Bären zu fürchten", grinst Jay, "we are making way too much noise for them."

Wir brechen auf als unsere Freunde aus Whitefisch, Montana, noch in den Zelten liegen. Paddeln ans Südende des Isaac-Lake. Ziehen das Kanu dem steinigen Ufer entlang. Über eine Wasserstufe. Rein in den schnell fliessenden Isaac-Fluss. Fahren über kleine Weisswasser. Sind durch den Rollercoaster bevor wir ihn richtig wahrnehmen. Landen vor einem Bollwerk aus angeschwemmtem Totholz. Portagieren um den 11 Meter hohen Isaac-Fall herum. Queren den romantischen McLeary-Lake. Er ist glasklar. Klein. Rund. Türkisgrün. Von Felsen und Bäumen umgeben. Schwärme grosser Fische schwimmen über seinem steinigen Grund. Navigieren vorsichtig auf dem milchigweissen Cariboo-River. Gehen toten und unter der Wasseroberfläche lauernden Baumstämmen aus dem Weg. Stellen das Zelt am Lanezi-See auf. Die vier Kanus der Montana-Crew erreichen uns Stunden später. "Sorry to crash you're Campsite again", lacht Cathy. Zum Dessert bereiten uns Megan und Kelsey, die vierzehnjährigen Töchter, s'mores (is there more) am Lagerfeuer zu. Grillierte Marshmallows zwischen geschmolzener Schokolade und Biskuits. Klebrig. Süss. Köstlich.

Bowron-Lakes Provincial Park, B.C.Bei Sonnenschein und leichtem Gegenwind paddeln wir vom Lanezi-Lake zum Sandy-Lake. Dieser geht nahtlos in einen breiten, träge fliessenden Fluss durch üppigen Wald über. Ein Weisskopfseeadler macht uns lauthals klar, dass wir in sein Revier eindringen. Ein paar hundert Meter weiter steht eine Elchkuh (Moose) am sumpfigen Ufer. Wir scheinen sie nicht weiter zu stören.

Ein grosses gelbes Schild warnt auf Deutsch vor der Weiterfahrt: LEBENSGEFAHR. Darunter das Piktogramm eines Kanus das über eine Stufe hinunterfällt. Wir besichtigen den 24 Meter hohen, tosenden Cariboo-Fall zu Fuss. Reservieren einen kleinen Zeltplatz für unsere acht Weinlieferanten aus Whitefish. Philosophieren am Feuer über den American Way, Slick Willy (Bill Clinton), George W. Bush, Terror und Krieg. "Looks like we're going every five years to a new war", sagt Jay. "The next one might well be over Peanutbutter, Marshmellows or... Jägermeister", ergänzt Kevin. Die urigen Schreie eines einsamen Loon dringen bis in unsere Träume.

Drei kurze Paddelstrecken und drei kurze Portagen bringen uns zum Spectacle-Lake. Ein frischer Gegenwind zwingt uns zum intensiveren Paddeln. Das Tal wird breiter. Lange Sandbänke müssen umfahren werden. Die Vegetation ist sumpfiger. Campsite Nr. 49 wird nur von Moskitos bewohnt.

Wir schlagen die meisten tot. Schliessen Blutsverwandtschaft mit den überlebenden. Skinnydippen im hier wärmeren Wasser. Sitzen bis 23.00 Uhr mit unseren amerikanischen Gefährten am Feuer. Europa, Mark Twain, Mormonen, Kinder und Krieg sind die Themen. Fünfzehn Liter Rotwein und eine grosse Flasche Jägermeister sind leer. Jay opfert seinen für medizinische Notfälle mitgebrachten, amerikanischen Bourbon. Hu-hu-huhu-hu-hu hallt der Ruf einer Great Horned Owl (Waldohreule?) die sich auf einem Baum zwischen unseren Zelten niederlässt.

Spiegelglatt zieht das Wasser des Swan-Kanals unter uns dahin. Eine Stockente mit sieben Jungen schwimmt im Morgenlicht über das dampfende Wasser. Der schwarzweisse Eistaucher taucht erst ab als wir in das Rot seiner Augen schauen. Wir paddeln im mäandrierenden Bowron-River über weisse, schwimmende Blumenteppiche. Die rotweissen Cabins der Bowron-Lodge flimmern weit weg am Ende des ruhigen Sees. Ein letztes Mal nehmen wir die Ruhe und die Weite der Landschaft in uns auf. Bringen das Kanu auf einen geraden Kurs. Knirschend bohrt sich der Bug unseres gelben, 4,4 Meter langen Prospector Clipper Kanus in den kiesigen Strand beim Zeltplatz. 116 Kilometer in sieben Tagen.

"Happy trails", wünschen wir unseren demokratischen Freunden aus Montana.

"See you in Whitefish", winken sie aus ihren Subarus und Lexus zurück. Who knows?

Von Dominik Abt, August 2005