Der West Coast Trail – Himmel und Hölle in 4,5 Tagen

Tag 1 – Kilometer 75 bis 62

West Coast Trail, Port RenfrewDan, sein recht zerzauster Hund ‚Barry‘ und ein alter, rostiger Truck stellen den örtlichen Taxi- und Transportservice für die Region Port Renfrew. Dieser wurde auf meine Bitte hin von meinen Gastgebern morgens bestellt um mich von der Lodge zur Fähre zu bringen.

 

Dan war etwas spät dran als er mit seinem Truck um den Weg bog. Ein Lächeln war es auch nicht gerade, was seine vordere Reihe funkelnder Goldzähne freilegte, eher ein genervter Ausdruck. Barry, sein gemütlich auf der Transportfläche liegender Hund, schaute ähnlich drein und musste wegen der anhaltenden Hitze in seinem zotteligen, langen Fell wahrscheinlich enorm  leiden. Nun ja, es musste eben schnell gehen und so warf ich meinen voll bepackten Rucksack auf die Ladefläche und sprang in Dans Truck.

Man sollte sich vom äußeren Eindruck nie täuschen lassen, insbesondere gilt das meiner Erfahrung nach auf Vancouver Island: Dan und der Rest der Truppe waren ein extrem eingespieltes Team und schließlich machten wir den Weg zur Fähre über staubige und kurvenreiche Schotterstraßen in ca. 15 Minuten.

Was mich dabei erwartete war erst einmal ein leerer Steg und die wunderschöne Mündung des Gordon River. Nach ein paar Minuten jedoch erschien ein (wiederum) griesgrämiger und scheinbar ‚stummer‘, ca. 50 jähriger Native mit seinem Boot, der nachdem er angelegt hatte, mit Dan ein paar unverständliche Worte murmelte. Auf mein Nachfragen hin erfuhr ich, dass der Fährmann die erste Gruppe bereits übergesetzt hatte und wir nun noch auf eine weitere Hikergruppe warten müssten. Danach brach Dan wieder auf und ich blieb schweigend mit dem Chief vor dem Steg stehen.
Es dauerte dann so 25 Minuten und einen Anruf bis sich herausstellte das alles ein Missverständnis war und ICH die restliche Hikergruppe war, auf die wir also vergeblich warteten. Nun gut, auf ins Boot und ca. 5 Minuten später befand ich mich bereits auf der anderen Seite des Gordon River, am Anfang, am südlichen Trailhead.


Da stand ich nun, ca. 10 Uhr, kein Zurück… Und wo ist überhaupt der Trail?

Ein Gefühl der Beklemmung stellte sich ein und ich fragte mich, ob es wirklich eine so gute Idee war. Egal, der Trail war letztlich schnell gefunden und so tauche ich in diesen undurchsichtigen kanadischen Urwald ein.

Der Zustand des Trails war wegen der seit Wochen  andauernden Hitzewelle verhältnismäßig gut. Das heißt, die Wasserlachen und Schlammstrecken waren überschaubar und die den Boden überall überwuchernden Baumwurzeln nicht allzu rutschig. Dennoch sollte mir schnell klar werden, dass dies der anspruchsvollste Abschnitt des Trails ist: Es geht quer durch den Regenwald, hoch und runter. Die dichte Bewaldung, mit atemberaubend hohen und mächtigen Bäumen, welche in der für diese Region typischen Farnen umrankt sind, klimatisieren und sorgen für eine angenehme Kühle. Dennoch fordern einem die andauernden starken Höhenunterschiede einiges ab.

 

Bei Kilometer 72 um ca. 11:30 Uhr sehe ich die so genannte ‚Donkey Engine‘ vor mir im Gras liegen: Eine rostige, alte Maschinenruine, die in besseren Zeiten - während der Trailbaus, so um die Jahrhundertwende - dafür zu ständig war, riesige Baumstämme durch das Unterholz zu bewegen. Irgendwann nach insgesamt 4 Kilometern erreicht man denn auch den höchsten Punkt des West Coast Trails.

Auf diesem Stück gibt es außerdem keine wirklich brauchbaren Wasserquellen und der eigene Wasserverbrauch ist extrem hoch. Hechelnd schleppte ich mich durch den bergigen Regenwald und hatte dabei extreme Schwierigkeiten, meinen Durst unter Kontrolle zu halten, um das Wasser - ca. 1,8L in einem Trinksystem in meinem Rucksack und weitere 1,5L in Flaschen - einzuteilen. Erneut frage ich mich, ob das hier alle nötig ist aber es geht weiter durch den gut sichtbaren Trail, durch verzweigte Schneisen, Kletterpartien und über Baumstämme, bergauf und wieder herunter.

Zwischendurch traf ich auf verschiedene Leute, welche mir entgegenkamen oder die ich überholte. Ich schätze, so alle 30 Minuten trifft man im Schnitt auf Schicksalsgenossen, was die in einem aufkommenden Gefühle von kanadischer Wildnis und Einsamkeit - denn das suchte ich -  jeweils schnell wieder ersticken ließ. Und um es vorweg zu nehmen: Wer solcherlei im Sinn hat, wird weiter in den Norden gehen müssen und einen so bekannten und gewarteten Trail wie den West Coast Trail auf jeden Fall meiden. Der West Coast Trail ist jeden Schritt weit ein einzigartiges Vergnügen aber kein ‚extremes‘ Unterfangen in der einsamen Wildnis!

Irgendwann, es musste so gegen ein Uhr sein, stieß ich an die ‚Kreuzung‘ an der es Richtung Thrasher Cove abging. Das Schild dazu ist zusätzlich mit einer Warntafel geziert, die über die Anwesenheit von Pumas in der Region informiert. Oooookay!
Hier legte ich schließlich eine kleine Rast ein, doch mein Ziel für diesen Tag sollte der Beach Access bei Kilometer 66 werden. Dort, so hatte ich in einem der zahlreichen Smalltalks erfahren, sollte es einen guten Platz zu campen geben…

Als ich allerdings gegen 16:30 Uhr dort eintraf und mich das kurze Stück zum Strand aufmachte, fand ich lediglich zwei kleine, leere Ecken am Rande des Trails und nicht mal am Meer vor. Keine Traumlokation also und der Strand felsig. Insofern entschloss ich mich, die Gelegenheit endlich für eine richtige Rast zu nutzen und kochte mir eine meiner trocken gefrorenen Tütenmahlzeiten sowie einen meiner geliebten Instant-Kaffees auf dem Campingkocher. Des weiteren fasste ich den Entschluss, die restlichen 4 Kilometer zu Campers Cove auch noch zurückzulegen, um dort mein Camp für die Nacht aufzuschlagen.

Die Pause tat gut und der Rücken konnte sich von der schweren Last des Rucksacks ein wenig erholen. Letztendlich trockneten sogar die bis auf die Hose völlig durchnässten Klamotten ein wenig. Dann ging es weiter. Der Rücken schmerzte jedoch nach kürzester Zeit erneut und wieder stand man im eigenen Wasser…
Es dämmerte bereits als ich die letzten Leitern, die letzte Hürde zur Erlösung, kurz vor dem in einer kleinen Schlucht gelegenen Campers Bay erreichte.

Das Cablecar, welches man normalerweise zu nutzen hat um den Camper Creek zu überqueren, war überflüssig geworden; der Fluss war wegen der andauernden Hitze so ausgetrocknet, dass man ihn bequem zu Fuß überqueren konnte. Nun verteilte sich die Campsite entlang des Creeks, sowie in einem bei Ebbe vom Meer abgetrennten Becken. Es waren bereits so um die 5 Parteien dort, welche ihre Zelte aufgeschlagen und ‚ihr Revier abgesteckt‘ hatten. Im Laufe des Abends erhöhte sich die Zahl der Nachbarn auf ca. 12 Gruppen – ich fühlte mich wie auf einem Festival, jedoch nicht wie an der einsamen Westküste British Columbias!

Nun war es auch an mir, eine gute Stelle zu finden und mein Zelt aufzuschlagen…und vor allem Wasser zu besorgen. Es war der erste Tag und ich fühlte mich vom Hydrationslevel her als hätte ich zwei Wochen ohne Wasser in der Sahara verbracht. Aber DAS ist wohl das einzige Argument welches für diesen ‚VIP-Zeltplatz‘ spricht: Der Camper Creek ist eine erstklassige Wasserquelle, an der man wieder gutmachen kann, was man dem Körper über den Tag angetan hat.
Gesagt getan: Ich fand eine geschützte Stelle am Waldrand, machte ein Feuer (was hier nicht so einfach ist, da die vielen ‚Besucher‘ sämtliches Holz bereits verfeuert hatten), holte Wasser und machte mir eine weitere Tütenmahlzeit sowie Kaffee und Tee.

Normalerweise ist meiner Erfahrung nach für unsereins, der aus einem Land kommt wo ein Kaninchen so ziemlich das ‚wildeste‘ Tier stellt, die ersten Nächte in einem Kanadischen Nationalpark erst einmal etwas gewöhnungsbedürftig. Hier jedoch, inmitten feiernder Nachbarschaft, konnte man nicht einmal vernünftig Angst vor Bären und Pumas bekommen, verdammt!